Und jetzt merken auf einmal alle, keine Menschen, kein Anschluss unter dieser Nummer. Vitra-Trendscout Raphael Gielgen über zukünftiges Arbeiten

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Und jetzt merken auf einmal alle, keine Menschen, kein Anschluss unter dieser Nummer. Vitra-Trendscout Raphael Gielgen über zukünftiges Arbeiten

Herr Gielgen, normalerweise sind Sie 200 Tage im Jahr in allen Teilen der Welt unterwegs. Jetzt seit einem Jahr nicht mehr. Was macht die Pandemie mit Ihnen auf der Arbeitsebene?

Das war im ersten Jahr überhaupt kein Problem. Denn ich habe in den vergangenen Jahren – im übertragenen Sinne – so viel Holz gesammelt, dass ich noch lange heizen konnte. Dabei habe ich mich erstmal sogar nur um die dicken Stämme gekümmert. Ich konnte das eine Jahr also locker kompensieren, weil ich vorher sehr fleißig gewesen bin. Zudem sind die Menschen und die Institute etc. die Input liefern, zum Glück ja nicht weg, sondern senden weiterhin.

Und was macht Corona mit Ihnen als Mensch?

Es war schon eine Umstellung, die ich aber gut angenommen habe. Dass keiner fliegen konnte, ich also nicht der Einzige war, hat es mir leichter gemacht. Etwa ab Juni gab es jede Woche mindestens einen Tag in der Woche einen Termin, den ich mit dem Auto wahrgenommen habe. Das war eine super Abwechslung. Der zweite Lockdown ist aber auf jeden Fall krasser als der erste.

Warum?

Weil die Messe gelesen ist. Wir sind auf dem Mars angekommen. Das ist Fakt – die Zukunft der Arbeit ist da. Alles, was ich mir habe vorstellen können beziehungsweise worüber ich erzählt habe, ist Wirklichkeit geworden oder wird Wirklichkeit werden. Und natürlich habe ich mir dann die Frage gestellt: Was mache ich jetzt? Wem widme ich meine Zukunft? Ich bin also aktuell dabei, mich neu zu erfinden, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe mit 51 Jahren das Gefühl, dass ich nochmal etwas sehr Großes, sehr Neues entdecken kann.

Was heißt das konkret? Wie nähern Sie sich diesen großen Themen?

Ich muss dafür auf eine andere innerliche Ebene und in andere Kontexte rein. Ich muss das Büro verlassen und in die Nachbarschaften und in die Städte gehen. Also einerseits das Ökosystem der physischen Arbeit betreten, das bei mir zu Hause anfängt, mich in ein Co-Working-Café führt, in eine Hotel-Lobby oder auf den Vitra-Campus. Genauso gilt es den virtuellen Raum der Arbeit zu betreten, sich mit dem Thema Mixed Reality zu beschäftigen. Darüber hinaus muss ich den Wesensraum des Menschen betreten, weil der sich komplett verändert. Diese ganzen Themen sortiere ich gerade.

Ist das Verhältnis von physischer und digitaler/virtueller Ebene der Arbeit in der Pandemie endgültig in Richtung Virtualität gekippt?

Alle Beteiligten draußen wissen spätestens jetzt, dass es zwei wesentliche Orte der Arbeit gibt: den physischen und den virtuellen. Dass Arbeit an zwei Orten stattfindet, diskutiert nun niemand mehr. Der physische Ort ist ein Netzwerk mit den Knotenpunkten zu Hause, Büro, Co-Working-Bar etc. Die virtuelle: Die einfachste Ebene ist die 2D-, die große Ebene wird das ganze Universum der Mixed Reality. Das sind zwei große Engines.

Und wer befeuert diese zwei großen Engines, wer treibt?

Der physische Engine wird durch die Real-Estate-Industrie befeuert. Diese Industrie stellt gerade fest, dass sie über die Jahre standardisierte Portfolios entwickelt haben, auf die alle einzahlten. Das gab der Sachwertanlage Immobilie Bedeutung. Dafür gab es immer Geld und diese Art des Investments galt stets als sicher. Deswegen sehen die Städte so aus, wie sie heute aussehen, wo man sich ja immer fragt, was haben die Bürger eigentlich der Stadt getan, dass die Stadt so aussieht, wie sie aussieht. Die merken jetzt gerade, dass das nicht mehr funktioniert, weil die wesentlichen Standards beziehungsweise Faktoren dieser Finanzmathematik sich auflösen. Jetzt werden innovative Unternehmen – ich rechne damit, dass es die großen sein werden – weit über Betriebsvereinbarungen hinaus innovative Konzepte mit ihren Mitarbeitern vereinbaren, wie man diese physische Architektur der Arbeit zukünftig regelt. Satellitenbüros, Flatrate bei Co-Workern oder bei Hotels, die komplette Veränderung des Unternehmenssitzes… Da werden wir jetzt von Woche zu Woche neue, spannende Beispiele sehen. Das bedeutet: 1. Die neue Realität ist da. 2. Die, die eigentlich den stärksten Muskel haben, die Real-Estate-Industrie, entdeckt das Thema auch und wird es angehen, weil sie ihren Anlegern eine Investitionssicherheit anbieten muss.

Und in der virtuellen Welt?

Der Engine der virtuellen Welt ist Technologie. Viele Felder dort werden gerade neu besetzt, weil sie niemandem gehören. Zwei Beispiele, um zu zeigen wer jetzt den Acker bestellt: In spätestens fünf Jahren ist 5G da. Und damit eine veränderte Infrastruktur, ein zehnfaches an Geschwindigkeit. Mixed Reality, also Augmented und Virtual Reality, wird diesen virtuellen Raum befeuern. Cobots werden mit uns arbeiten. Man kennt heute Twitch-TV vom Gaming. Die Qualität, über die heute Gamer in ihren Spielen verfügen, haben sie zukünftig, wenn sie den digitalen Zwilling ihrer physischen Arbeit betreten. Das heißt, das Feuer kommt von dort. Dazu eine Zahl: Die Patente für Mixed- und Virtual-Reality haben sich in den letzten Jahren vervierfacht. „The Economist“ hat berechnet, dass der Wert, um den sich das Bruttoinlandsprodukt durch Mixed-Reality weltweit verändert, bis 2030 etwa drei Prozent betragen wird. Dass muss man sich mal vorstellen: Wir reden über ein weltweites wirtschaftliches Gesamt-Wachstum von drei Prozent, das ausschließlich auf einer neuen Technologie beruht. Momentan versucht jeder festzustellen, was diese Entwicklung für ihn bedeutet. Denn Sturm ist nicht gleich Sturm: Wenn du auf dem Meer bist, in einem Fischkutter, merkst du den Wind sofort. In Hamburg, in deiner Wohnung, guckst du raus und sagst, heute bleibe ich besser mal drin. Sonst passiert aber gar nichts.

Wir haben immer über das Büro als ein wichtiges Element der Verortung gesprochen. Ist das jetzt überholt?

Das beste Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Religion. Die Religion basiert seit Jahrtausenden auf der Verortung von Menschen. Es gab während des Lockdowns orthodoxe Juden, die nicht beten konnten, weil dies nur in Gemeinschaft geht. Heißt, die Verortung bleibt wichtig. Aber noch mehr als je zuvor gilt: Ort entsteht nur durch Mensch. Wenn der Mensch nicht da ist, entsteht nichts. Architektur programmiert sich so neu. Wenn man das weiterdenkt, ist das eine komplett neue Denke. Denn historisch gesehen, sind Architekturmagazine immer leer fotografiert. In keinem meiner Architekturbücher sind Menschen. Und jetzt merken auf einmal alle, keine Menschen, kein Anschluss unter dieser Nummer.

Bild: Markus Altmann ©

„Ort entsteht nur durch Mensch.
Wenn der Mensch nicht da ist, entsteht nichts.
Architektur programmiert sich so neu.”

Vitra Dancing Wall

Fotografie: Dejan Jovanovic
Motiv: Vitra, Dancing Wall, Studio Hürlemann

Autor
Tino Eggert
möbelfertigung, Vincentz Network GmbH & Co. KG, im Gespräch mit Raphael Gielgen, Vitra International AG

By | 2022-01-05T12:39:14+00:00 Januar 4th, 2022|New Work, News/Blog|0 Comments

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